"Bündnisarbeit für einen starken Arbeitsschutz in den Betrieben"

Friday, 31. March 2017

Christian Hoßbach, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Berlin-Brandenburg im Interview mit der Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung über die Zusammenarbeit mit der Landesgesundheitskonferenz, die Potenziale von Gesundheitszielen und das Thema Digitalisierung und Gesundheit.

Bild: DGB | BB

Gemeinsam Gesundheitsförderung und Prävention stärken – dies ist ein Kernanliegen der Berliner Landesgesundheitskonferenz, in welcher auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vertreten ist. Wie können Sie sich hier einbringen?

Gesundheitsförderung und Prävention im Betrieb bauen auf dem Arbeits- und Gesundheitsschutz auf. Insofern sehen wir die Mitwirkung in der Landesgesundheitskonferenz immer auch als Bündnisarbeit für einen starken Arbeitsschutz in den Betrieben. Wie jeder weiß, ist hier noch vieles zu tun, besonders in den vielen kleinen und mittleren Unternehmen. Zum zweiten geht es uns immer wieder um gute Kooperation der verschiedenen Sozialversicherungen, gerade beim Thema Prävention. Das neue Präventionsgesetz zwingt hier zu weiteren Fortschritten, und wir hoffen, dass sich die Vorarbeit durch die Landesgesundheitskonferenz hier auszahlt. Nicht zuletzt ist für uns natürlich auch die Perspektive der Beschäftigten im Gesundheitswesen wichtig, das wird leider manchmal vergessen.

In der Landesgesundheitskonferenz Berlin wurden durch die Mitglieder konkrete Gesundheitsziele auf Landesebene entwickelt. Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile dieses Vorgehens und welche Perspektiven und Herausforderungen stellen sich dabei?

Angesichts der Komplexität des Themas „Gesundheit“ ist es richtig, wenn sich die verschiedenen verantwortlichen Institutionen auf gemeinsame Strategien und Grundsätze verständigen. Es ist klar, dass die Chancen für noch verbindlichere Vereinbarungen häufig von gesetzlichen Regeln abhängen, wenn man z. B. an die Wettbewerbsorientierung denkt, der die Krankenkassen unterliegen. Die Hinwendung zu den Themen „Gute Arbeit“ oder auch „Nachhaltigkeit“ und damit zu präventiven Ansätzen und besserem Schutz sehen wir aber seit einiger Zeit in mehreren wichtigen Bereichen. Deshalb sehe ich auch Potential für eine noch wirkungsvollere, ganzheitliche Politik. Die Landesgesundheitskonferenz kann dabei sicher eine relevante Rolle spielen.

Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit mit den Partnerinnen und Partnern in der Landesgesundheitskonferenz für die eigenen Ziele und Aufgaben?

Im Kern geht es um erhöhte Sensibilität dafür, dass wir stärkere Strukturen brauchen, die sich in den Betrieben und Verwaltungen um die Themen kümmern, die auch im Gesamtinteresse liegen, ob das nun Ausbildung ist oder Gesundheitsschutz. Das Thema Tarifbindung und Sozialpartnerschaft ist nicht nur ein Thema der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände – es ist ein Eckpfeiler des Sozialstaats, der z. B. in die gemeinsame Kommunikation für Gesundheitsziele hineingehört. Auf den betrieblichen Einzelfall geschaut, brauchen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verlässliche Schutz- und Präventionsleistungen – ungeachtet der Betriebsgröße bzw. Leistungsfähigkeit/-willigkeit der Arbeitgebenden. Öffentliche Stellen sind insbesondere dort zum Handeln gefordert, wo Tarifbindung und Betriebsratsstrukturen nicht bzw. wenig ausgeprägt sind. Das Bereitstellen von (öffentlich geförderten) Leistungen für betriebliche Gesundheitsförderung kann hier zu Fortschritten in der innerbetrieblichen Qualität des Arbeits- und Gesundheitsschutzes beitragen.

Welche Zielgruppen nehmen Sie bei der Gesundheitsförderung und Prävention besonders in den Fokus?

Ich würde hier keine Rangfolge aufstellen wollen. Natürlich muss der Schutz besonders für die Gruppen organisiert sein, die sich selbst nicht so gut für ihre Interessen einsetzen können, weil sie unsichere Arbeitsverhältnisse haben oder in Kleinstbetrieben, in Start-ups, als Solo-Selbständige arbeiten – oder weil sie nicht gut Deutsch sprechen. Der Schutz und die Prävention für Menschen mit Behinderung ist ein eigenes wichtiges Thema.

Das Thema Arbeit 4.0 ist gerade in aller Munde. Welche Chancen und Herausforderungen sieht der DGB in der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt insbesondere für die Gesundheit der Beschäftigten?

Die Digitalisierung bringt viel Neues, auch gesundheitliche Risiken, die unter Stichworten wie Entgrenzung, Leistungsverdichtung und Gestaltung der Arbeitszeit zu diskutieren sind. Die Zunahme psychischer Erkrankungen spricht doch Bände. Es ist notwendig, arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zur Arbeit 4.0 schnell in neue Regelwerke (Stand der Technik) zu überführen. Deren Anwendung im Betrieb soll durch gezielte Präventionsangebote der Sozialversicherungen und durch zielgenaue Beratung/Aufsichtstätigkeit der Arbeitsschutzbehörde sichergestellt werden.

Im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung dürfen aber die strukturellen Wirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt nicht vergessen werden, wenn ernsthaft über Gesundheit und Arbeit 4.0 gesprochen werden soll: geht die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen gut bezahlten Spezialistinnen und Spezialisten sowie „normalen“ Arbeitnehmenden noch weiter auseinander, weil man Brüche in der Entwicklung vereinfacht gesagt hinnimmt? Oder gelingt es, die Digitalisierung über viele evolutionäre Prozesse in den Betrieben zum Nutzen von Gesellschaft, Wirtschaft und letztlich auch Gesundheit zu gestalten?

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Marisa Elle, Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung Berlin