Sozialraum Digital – Chance zur Teilhabe oder Schritt in die Isolation?

Wednesday, 28. November 2018

Insbesondere für ältere Menschen stellt die Digitalisierung eine neue Herausforderung dar. Jedoch bietet die digitale Welt zugleich für diese Zielgruppe eine Vielfalt an Möglichkeiten. Es gilt also, deren digitale Souveränität zu fördern. Eine Aufgabe, die im Land Berlin auf die Agenda gehört, auch in Bezug auf das LGK-Gesundheitsziel „Strategien und Maßnahmen der sozialraumorientierten Gesundheitsförderung und sozialen Teilhabe ausbauen“. Doch was genau ist digitale Souveränität und wie lässt sie sich erreichen, insbesondere bei älteren Menschen?

Um dieser Frage nachzugehen, lud im Juni 2018 das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zusammen mit dem Bundesverband Gesundheits-IT (bvitg), den Innovation Health Partners (IHP) und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zur Veranstaltung „Sozialraum Digital – Souveränität in der digitalen Welt“ in Berlin-Mitte ein. Vertreterinnen und Vertreter diverser bundesweiter sowie regionaler Organisationen reisten an, um durch Digitalisierung angestoßene Prozesse im Leben Älterer zu diskutieren. Als roter Faden zog sich die Frage durch die Veranstaltung, inwieweit digitale Teilhabe für soziale Teilhabe schon jetzt gegeben sein muss und wie sich dies zukünftig entwickeln wird. Viel diskutiert wurde außerdem, wer dafür verantwortlich sei, ältere Menschen für den souveränen Umgang mit Digitalisierung zu qualifizieren und welche Rahmenbedingungen hierfür gegeben sein müssen.

Digitalisierung in allen Ressorts

Die verschiedenen Perspektiven auf Digitalisierung wurden in den Vorträgen von Juliane Seifert (Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), Tim Lange (Geschäftsführer der Casenio AG), Brigitte Döcker (Vorstandsmitglied der AWO) und Sebastian Zilch (Geschäftsführer der bvitgs e.V.) deutlich. Sie thematisierten diverse Aspekte: Die Chancen der Digitalisierung wurden erläutert, wie die erleichterte Kommunikation von Älteren zu ihren Verwandten oder der Notfallknopf, aber auch die Heterogenität der älteren Bevölkerung, zu der „Offliner“ ebenso wie digitale Rentnerinnen und Rentner gehören. Auch Finanzierungskonzepte und Überlegungen zur digitalen Kompetenzförderung wurden angesprochen.

n der anschließenden Workshop-Phase wurde mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an konkreten Lösungen gearbeitet, um Herausforderungen der Digitalisierung zu bewältigen und ihre Chancen bestmöglich zu nutzen.
Digitale Souveränität – Kompetenz der Anwendenden, Vertrauen in die Anbietenden, Förderung der Sicherheit

Im Workshop „Digitale Souveränität“ wurden das Projekt „Smart Country“ zur Vernetzung ländlicher Räume, die seniorenfreundliche Plattform wissensdurstig.de sowie Sicherheitsaspekte des Internets durch Kurzvorträge vorgestellt. Danach wurde rege diskutiert - über Themen wie das sich wandelnde Altersbild, die Notwendigkeit von Chancengleichheit für „Offliner“ und die Bedeutung der Kommune, um Souveränität im Umgang mit Digitalisierung zu erreichen. Aus der Diskussion wurden konkrete Forderungen abgeleitet:

  • Digitale Souveränität erfordert qualifizierte Begleitung/Beratung
  • Gewährleistung von digitaler Souveränität als Teil kommunaler Daseinsvorsorge rechtlich verankern (Zugang/Anspruch/Infrastruktur)
  • Digitale Souveränität erfordert Abschätzung von Risiken und Chancen der Digitalisierung
  • Heterogenität des Alterns  gezielte Ansprache diverser Gruppen

 

Smart Homecare – Selbstbestimmung oder Überforderung?

Im Workshop „Smart Homecare – Selbstbestimmung oder Überforderung“ wurde im World Café-Format über Chancen und Hindernisse von Technik in der Versorgungslandschaft debattiert. Der Notfallknopf fungierte als Beispiel, an dem die verschiedenen Befürchtungen deutlich wurden:
„Wer kommt eigentlich, wenn ich den Notfallknopf drücke?“
„Akzeptieren ältere Menschen den Knopf oder fühlen sich dadurch nur die Angehörigen sicherer?“
„Ersetzt die Technik den menschlichen Kontakt?“

Insgesamt bestand in der Diskussion weitgehender Konsens darüber, dass Technik immer nur unterstützend und nie ersetzend wirken kann. Dabei ist es wichtig, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen und Menschen im Umgang mit Technik zu schulen. Besonders die Frage, wer hierfür zuständig ist, bleibt dabei zu klären: Soll der Staat entsprechende Programme entwickeln und anbieten? Müssen Entwicklerinnen und Entwickler an ihrer Informationsfunktion arbeiten? Wie werden Angehörige erreicht, die sich für entsprechende Technik einsetzen, und wie sensibilisieren wir das Individuum selbst für die Technik, die viele Möglichkeiten zur Erleichterung bietet?

Genau diese Fragen wurden in die abschließende Podiumsdiskussion gegeben. Jeder Akteur konnte einen konkreten Handlungsbedarf identifizieren, um die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können. Hierfür ist jedoch ein ganzheitliches Handeln und eine Vernetzung der Akteure nötig. Durch die Berichte der Workshops wurde außerdem deutlich, dass die Wissenschaft sich dafür der Zielgruppe noch stärker nähern muss. Auf dem Markt gibt es bereits vielfältige Angebote für Ältere, jedoch kommen diese bisher nicht genügend bei der Zielgruppe an und entsprechen teilweise nicht ihren Bedürfnissen. Deutlich wurde auch, dass sich keiner aus der Entwicklung zurückziehen kann, da Digitalisierung, genau wie das Altern, jeden von uns betrifft. Es wird also nicht über eine von uns klar abgegrenzte Zielgruppe diskutiert, sondern über jeden einzelnen von uns, sodass sich die Frage stellt: Wie wollen wir Digitalisierung für uns gestalten und nutzen?

Carla Rinne, Praktikantin Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung im Land Berlin