Hilfetelefon Silbernetz bietet Wege aus der Isolation

Tuesday, 22. May 2018

Das Hilfetelefon Silbernetz ermöglicht älteren vereinsamten oder isolierten Menschen wieder in Kontakt zu kommen und schlägt damit auch eine Brücke zu Angeboten im Wohngebiet. Nach mehreren Testphasen soll das Angebot im Sommer 2018 regulär gestartet werden. Im Interview verrät die Gründerin Elke Schilling die Hintergründe zum Projekt.

Foto: Silbernetz

Fachstelle: Mit Silbernetz adressieren Sie Einsamkeit im Alter. Wieso ist Einsamkeit gerade für ältere Menschen ein Problem?

Elke Schilling: Einsamkeit ist für alle Altersklassen ein Problem. Für Ältere hat sie jedoch eine besondere Dimension. Mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben schwindet die Anzahl der Alltagskontakte. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Anzahl der Verluste: Partner, Verwandte und Freunde. Der Alltagsradius verengt sich und die Kräfte schwinden. Das macht es zunehmend mühsamer, neue Kontakte zu knüpfen. Ist man erst einmal in der Einsamkeitsfalle gelandet, wird neue Kontaktaufnahme zunehmend auch angstbesetzt. Der Rückzugsraum der eigenen Wohnung wird zum Schutzraum, der schwer zu öffnen ist, wenn man die eigene Ordnung verliert. Da kann die gute Mischung aus emotionaler Nähe über die Stimme und den sicheren Abstand per Telefon für Menschen mit Einsamkeitsgefühlen eine gute Möglichkeit sein, Zuwendung zu erfahren und langsam Kontakt und Vertrauen aufzubauen, um weitere Schritte wagen zu können.

Fachstelle: Wo sehen Sie den Bezug zwischen Einsamkeit und Gesundheit? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für Angebote der Prävention und Gesundheitsförderung, die sich an ältere Menschen richten?

Elke Schilling: Manfred Spitzer vom Psychiatrischen Universitätsklinikum in Ulm hat dazu gerade ein Buch veröffentlicht. Darin belegt er die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Einsamkeit, Stress und Erkrankungsrisiken auch zum Nachlesen. Ihre zweite Frage impliziert eine weitere Frage, die in unserer Informationsgesellschaft nie gestellt wird – auch nicht im Altenbericht der Bundesregierung: Wie kommen Ältere - und nicht nur Vereinsamte, Isolierte - an die für sie relevanten Informationen? Eine Studie aus dem Raum Köln sagt, dass ca. 40 Prozent der Älteren nicht wissen, was es in ihrer Nachbarschaft an Angeboten für sie gibt. Das scheint mir die größte Herausforderung, die mir als solche auch bei meinem Workshop auf dem Kongress Armut und Gesundheit 2018  von den Teilnehmenden bestätigt wurde. Also: Niedrigschwellige Information und sicherer Kontakt, das klingt simpel und ist es doch nicht.

Fachstelle: Silbernetz ist primär als Hilfetelefon konzipiert. Wie können Sie dazu beitragen, dass die älteren Menschen, die Sie kontaktieren, perspektivisch auch im Alltag mehr am sozialen Leben teilhaben können?

Elke Schilling: Silbernetz ist dreistufig konzipiert: In erster Linie ist es ein 24-Stunden-Hilfetelefon für freundliche Gespräche rund um die Uhr. Darüber hinaus rufen ehrenamtliche Silbernetz-Freundinnen und -freunde einmal pro Woche zu einer fest vereinbarten Zeit „ihren“ älteren Menschen an. Auf diesem Wege können auch Informationen zu Angeboten und Möglichkeiten in der Nachbarschaft weitergeleitet werden.
 
Fachstelle: Mit welchen Angeboten und Akteurinnen und Akteuren planen Sie in diesem Zusammenhang eine Kooperation?

Elke Schilling: Mit allen, die uns als kooperativen Netzwerkpartner sehen und unser Potenzial wertschätzen, die zu erreichen, die man sonst eher nie erreicht. Sie können insbesondere von der dritten Stufe profitieren: der Vermittlung der Angebote im Wohnumfeld. Es sind aber auch Pflegedienste, sowohl ambulant als auch stationär, die unser Gesprächsangebot an ihre Pfleglinge weitergeben und sich so ein Stück weit von deren Gesprächsbedürfnis entlasten können.
 
Fachstelle:  Zu guter Letzt: Wie ist es um Ihre Planungen bestellt? Wann werden Sie den Betrieb aufnehmen?

Elke Schilling: Im Sommer 2018 in Berlin zunächst rund um die Woche mit 12 Stunden pro Tag und im Herbst dann auf 24 Stunden erweitern. Wir haben schon eine ganze Reihe Anfragen aus anderen Bundesländern, um dort Unterstützung zu leisten, Silbernetz auch dort aufzubauen.

Weitere Informationen unter www.silbernetz.org

Die Fragen stellte Stefan Weigand, Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung