"Die Landesgesundheitskonferenz leistet einen wichtigen Beitrag zur Transparenz"

Tuesday, 03. September 2019

Ein Interview mit Martin Matz, Staatssekretär für Gesundheit.

Foto: DWBO/Nils Bornemann

Fachstelle:
Neu im Amt und doch nicht neu in der Berliner Gesundheitspolitik! Als ehemaliger Spandauer Gesundheitsstadtrat kennen Sie die Strukturen in Berlin gut und wissen auch um die Herausforderungen dieser wachsenden Stadt. Was liegt Ihnen in Ihrer Rolle als Staatssekretär besonders am Herzen?

Martin Matz:
Berlin ist eine wachsende Stadt, mit all den Chancen und Herausforderungen. Im Gesundheitsbereich sind die Herausforderungen zurzeit insbesondere der Fachkräftemangel (Ärzte, Pflegekräfte u.a.) – und zwar nicht nur in den Krankenhäusern, sondern auch in den Pflegeeinrichtungen.

Gleichzeitig müssen wir Investitionen tätigen – im Krankenhausbereich gibt es einen großen Modernisierungsbedarf in den Berliner Kliniken. Mit unserer Klinikoffensive fördern wir die Investitionen daher deutlich stärker als vorher.

Wir müssen aber vor allem auch langfristig denken. Konkret bedeutet dies z. B. dass man sich nicht (nur) auf Krankheiten und deren Behandlung fokussieren, sondern die Vermeidung von Krankheiten und das Wohlbefinden in den Fokus nehmen muss.

Dies lohnt sich ganz konkret für unsere Gesellschaft: Unternehmen, die in Prävention investieren, haben z.B. geringere krankheitsbedingte Ausfälle. Studien zeigen, dass Unternehmen – konservativ gerechnet – für jeden in die Gesundheitsförderung investierten Euro allein durch die Reduktion von Fehlzeiten einen Betrag von 2,70 Euro einsparen können.

Wir wollen deshalb als Senatsverwaltung im Präventionsbereich einen Schwerpunkt auf Verhältnisprävention setzen – also die Lebenswelten der Menschen so gestalten, dass Sie Verantwortung für Ihre Gesundheit übernehmen können. Das betrifft die Gestaltung des Öffentlichen Raums, der Kitas, Schulen, des Wohnens. Also Bereiche, die auch nicht unbedingt im Gesundheitsressort angesiedelt sind. Deshalb liegt der Schwerpunkt unserer Präventionsarbeit auch nicht nur in der Förderung von konkreten Projekten und Programmen, sondern ganz konkret im ressortübergreifenden Arbeiten mit den anderen Senatsverwaltungen und den Bezirken.

Außerdem ist uns der Zugang zu Gesundheit für alle in Berlin Lebenden wichtig. Hierbei spielt die Clearingstelle für Nichtversicherte eine wichtige Rolle.

Fachstelle:
Seit 2004 berät die Berliner Landesgesundheitskonferenz über gesundheitspolitische Themen in den Handlungsfeldern Prävention und Gesundheitsförderung. Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit mit den Akteurinnen und Akteuren dort und welche Schwerpunkte sind Ihnen wichtig?

Martin Matz:
Die Berliner Landesgesundheitskonferenz (LGK) ist ein wichtiges Gremium im Land Berlin, das durch ihre Gesundheitsziele eine geeignete Grundlage für die inhaltliche Ausrichtung von Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention im Land Berlin bildet. So dienen die Gesundheitsziele als inhaltlicher Orientierungsrahmen insbesondere für die Umsetzung des Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention (Präventionsgesetz).

In der Berliner Landesgesundheitskonferenz (LGK) ist der überwiegende Teil der Träger gesundheitsfördernder und präventiver Maßnahmen im Land Berlin vertreten. Die Erarbeitung der Gesundheitsziele erfolgt im Dialog mit allen Mitgliedern, wodurch die Voraussetzung für eine breite Akzeptanz geschaffen wird. Zu den Mitgliedern gehört der überwiegende Teil der Träger gesundheitsfördernder und präventiver Maßnahmen im Land Berlin. Mit den Gesundheitszielen als inhaltlichen Orientierungsrahmen und der IBE übernimmt die LGK eine wichtige Steuerungsfunktion für das Land Berlin im Bereich der Gesundheitsförderung und Prävention.

Durch die Interventionsberichterstattung (LGK), einer Erhebung von gesundheitsbezogenen Angeboten zu ausgewählten Themen und Zielgruppen (zuletzt: Bewegung im Alter), leistet die LGK darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Herstellung von Transparenz über entsprechende Maßnahmen sowie zu einer optimierten Planung und Steuerung entsprechender Aktivitäten.

Fachstelle:
Die Berliner Landesgesundheitskonferenz beschäftigt sich in diesem Jahr schwerpunktmäßig mit dem Thema Kindergesundheit. Die jüngsten Auswertungen der Schuleingangsuntersuchungen zeigen, dass nach wie vor maßgeblich die soziale Lage der Familien ein gesundes Aufwachsen der Kinder bestimmt. Wo besteht aus Ihrer Sicht konkreter Handlungsbedarf und was bedeutet dies für die Umsetzung des Präventionsgesetzes in Berlin?
 
Martin Matz:
Das Präventionsgesetz verpflichtet die Krankenkassen zu umfänglichen Maßnahmen für Primärprävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten, zur betrieblichen Gesundheitsförderung und zur Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren, vgl. §§ 20-20c SGB V.

Das ressortübergreifende Arbeiten ist Grundlage für ein gesundes Aufwachsen; globale Handlungsstrategien für die ersten 1000 Tage des Aufwachsens bei Kindern sind nötig, bei Interventionen können positive Effekte erreicht werden.

Dabei gilt: nicht gegen die Flut stämmen (z. B. Mediennutzung bei Kindern), sondern sich auf „windows of oppurtunities“ konzentrieren, den Fokus auf Lebenswelten der Kinder wie auf Kita und Schule richten und z.B. neue Wege diskutieren und gehen. Beispiele wären z. B., täglich Schulsport/Bewegungsangebote zu ermöglichen (auch räumliche Gestaltungen).

Fachstelle:
Damit alle Berlinerinnen und Berliner gut und gesund aufwachsen, arbeiten, leben und älter werden können, braucht es das Zusammenwirken unterschiedlicher Ressorts in Politik und Verwaltung – Stichwort Gesundheit in allen Politikbereichen (Health in All Policies). Welche Potenziale und Herausforderungen sehen Sie in diesem Ansatz und wo steht Berlin damit?

Martin Matz:
Die von der EU und WHO entwickelte gesundheitspolitische Strategie „Health in All Policies“ verweist auf die ressortübergreifende Verantwortung für Gesundheit und Lebensqualität. Strukturen sind auf Alltagsbezüge runterzubrechen und immer wieder zu überprüfen, ob sie uns nützlich sind und auf uns und unser Wohlbefinden ausgerichtet sind. Manche Rahmenbedingungen und Strukturen sind veraltet und nicht auf unser heutiges Leben und die Rahmenbedingungen ausgerichtet. Wir haben in den letzten Jahren viele tiefgreifende Veränderungen erlebt: Familie ist heute nicht mehr mit der Ehe gleichzusetzen – wir leben mittlerweile viel diverser und bunter. Die Digitalisierung durchdringt fast alle unsere Lebensbereiche. Dies bedeutet, dass wir die Regeln und Rahmenbedingungen unseres Zusammenlebens immer wieder neu überprüfen müssen – und uns dabei fragen müssen, ob dies für unser Wohlbefinden und insbesondere für das unserer Kinder, die ja unsere Zukunft sind, der richtige Weg ist – das halte ich für eine essentielle Frage, die von allen Politikbereichen immer wieder gestellt werden muss.

In Berlin gibt es bereits gute Beispiele für eine Vernetzung. Die Umsetzung von Maßnahmen im Bereich der Prävention und Gesundheitsförderung erfolgt bei SenGPG primär über das Aktionsprogramm Gesundheit (APG), welches auch relevante Themen und Schwerpunkte mit anderen Senatsverwaltungen abstimmt und z. T. finanziell unterstützt (z. B. Landesprogramme gute gesunde Kita/Schule bei SenBJF, oder „Sport im Park“ bei SenInnDS).

Im Rahmen des ressortübergreifenden Koordinierungsgremiums Gesundheitsförderung und Prävention stimmen wir uns mit anderen Ressorts und den Berliner Bezirken ab. Sofern erforderlich, werden politische Abstimmungen durch die Hausleitung SenGPG mit anderen Ressortleitungen und/oder Bezirksbürgermeisterinnen/Bezirksbürgermeistern oder bezirklichen Gesundheitsstadträten vorgenommen.

Die Fragen stellte Marisa Elle, Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung m Land Berlin