Gut leben bis zuletzt – Gemeinsam für eine gute Hospiz- und Palliativversorgung in Berlin

Rückblick auf das Gesundheitsforum der Landesgesundheitskonferenz vom 5. Dezember 2019

Eine gute Versorgung am Lebensende geht alle an. Hauptsterbeort ist deutschlandweit und auch in Berlin weiterhin das Krankenhaus. Der letzte Lebensabschnitt soll dabei in Selbstbestimmung und Würde für die Berlinerinnen und Berliner stattfinden. Bis heute sind Sterben und Tod jedoch häufig noch Tabu-Themen.

Immer noch sind vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern Beratungsstellen bzw. Versorgungsstrukturen oder Vorsorgeinstrumente nicht bekannt, z. B. für den Fall von Krisensituationen oder eintretender eingeschränkter Entscheidungsfähigkeit. Hier besteht weiterhin Sensibilisierungs- und Verbesserungsbedarf.

Ein aktueller Ansatzpunkt für entsprechende Aktivitäten bildet das zehnjährige Jubiläum der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen im Jahr 2020. Aus diesen Begebenheiten heraus hat die Landesgesundheitskonferenz am 05. Dezember 2019 zum Gesundheitsforum: „Gut leben bis zuletzt – Gemeinsam für eine gute Hospiz- und Palliativversorgung in Berlin“ eingeladen.

Das Gesundheitsforum diente dabei der Öffnung des fachpolitischen Diskurses für themeninteressierte Berlinerinnen und Berliner. Zentral war dabei die Frage, wie es um die Hospiz- und Palliativversorgung in der Hauptstadt steht. Die Berliner Landesgesundheitskonferenz und ihre Mitglieder möchten damit einen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung am Lebensende leisten.

Thematisch gliederte sich die Veranstaltung in folgende vier Themenblöcke: Aktuelle Rahmenbedingungen, Rechtzeitig vorsorgen, Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen umsetzen, selbst aktiv werden.

Was bedeutet Sterben in Würde? Wo stehen wir mit der Charta? Und warum ist rechtzeitige Vorsorge so wichtig? Diesen und weiteren Fragen stellten sich die Podiumsgäste. 

Es debattierten:

  • Dr. Karin Barnard, Leiterin Stabsstelle Palliativ- und Supportivmedizin, Paul Gerhardt Diakonie gAG
  • Elimar Brandt, Vorsitzender AG Umsetzung Charta des Runden Tisches Hospiz- und Palliativversorgung
  • Prof. Dr. Winfried Hardinghaus, Chefarzt, Klinik für Palliativmedizin des Franziskus-Krankenhauses Berlin, Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes
  • Martin Matz, Staatssekretär, Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung
  • Urs Münch, Vizepräsident Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin
  • Prof. Dr. Christof Müller-Busch, Arzt, Hochschullehrer und Autor
  • Marc Schreiner, Geschäftsführer Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG)
  • Prof. Dr. Maike de Wit, Chefärztin Klinik für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie, Vivantes Klinikum Neukölln
  • Lisa Weisbach, Mitarbeiterin Zentrale Anlaufstelle Hospiz Berlin

Den Umgang mit dem Tod als gesellschaftliche Aufgabe verstehen

Auch wenn die Themen Sterben und Tod medial dauerhaft präsent sind, steht die Hospiz- und Palliativkultur in der Öffentlichkeit viel zu wenig im Fokus. Darüber waren sich die Podiumsgäste einig. Zunächst müsse der Umgang mit Sterben und Tod als gesellschaftliche Aufgabe begriffen werden. Das Sterben gehöre zum Leben dazu und sollte nicht tabuisiert werden, postuliert Elimar Brandt. Hier gilt es, in Zukunft das Thema mit einer optimierten Informationspolitik besser in den (Versorgungs-)Alltag zu integrieren, ein Bewusstsein zu schaffen und Ängste abzubauen. In der Praxis trägt u. a. der Berliner Charta-Prozess, der von den Mitgliedern des Runden Tisches Hospiz- und Palliativversorgung Berlin wesentlich unterstützt wird, dazu bei, das Thema im öffentlichen Bewusstsein präsent zu machen, zu verankern und zugleich Perspektiven für die Entwicklung in der Zukunft aufzuzeigen.

Solide Strukturen haben sich durch das Hospiz- und Palliativgesetz sowie dem Berliner Landeskonzept für Hospiz- und Palliativversorgung u. a. in der stationären Palliativversorgung der Krankenhäuser gebildet. Staatssekretär Martin Matz informiert, dass sich die Zahl der palliativmedizinischen Komplexbehandlungen in den letzten acht Jahren verachtfacht hat. Ein wichtiger Schritt zu einer gesicherten Versorgung, denn das Krankenhaus ist weiterhin auch in Berlin Hauptsterbeort. Marc Schreiner sprach sich für eine Angebotserweiterung im Sinne des Ausbaus palliativer Einheiten aus.

Es gibt weitere Ansätze, so können bspw. das in Berlin gestartete Pilotprojekt zum Palliativbeauftragten und die Zusatzqualifikation zum Demenz- und Palliativbeauftragten greifen. Eine geschulte Fachkraft soll in den Kliniken Bildungs- und Organisationsprozesse zur Verbesserung der Versorgung der vulnerablen Patientengruppen befördern und dabei auch die Übergänge aus dem und in den ambulanten Bereich verbessern, z. B. zu pflegerischen Einrichtungen und Hospizstrukturen. Dabei sind auch die Besonderheiten spezieller Zielgruppen, wie Menschen mit Behinderungen oder Wohnungslose zu berücksichtigen, forderte Elimar Brandt.

Unterzeichnung der Charta

Im Rahmen der Veranstaltung unterzeichneten vier weitere Berliner Krankenhäuser – das Dominikus-Krankenhaus, Malteser-Krankenhaus, Franziskus Krankenhaus und Krankenhaus Bethel – feierlich die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen.

Die Charta benennt über fünf Leitsätze die gesellschaftlichen Herausforderungen, die Anforderungen an die Versorgungsstrukturen, Aus-, Weiter- und Fortbildung, Entwicklungsperspektiven und Forschung sowie die internationale Dimension zur Verbesserung der Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen. Mit der Unterzeichnung der Charta erfolgt auch ein Bekenntnis zum primären Ziel der Prävention des Leidens - betonte Prof. Dr. Hans Christof Müller-Busch.

Merkmal der heutigen Hospizarbeit und Palliativversorgung ist die enge Zusammenarbeit beruflich und ehrenamtlich engagierter Menschen. Die Ehrenamtlichen sind unersetzlich in der Hospizarbeit – ohne sie könnten die Bedingungen für ein würdevolles Sterben nicht geschaffen und erhalten werden. Es gilt vor allem die ehrenamtlich Tätigen, als wichtiges Mitglied der Versorgungskette, (weiter) zu unterstützen, führte Dr. Karin Barnard aus.

Aus dem Publikum gab es zahlreiche Nachfragen und Stellungnahmen. So wurde auf bestehende Schwierigkeiten in der (hospizlichen) Versorgung von Gehörlosen bzw. Menschen mit anderen Beeinträchtigungen sowie Menschen mit langsam voranschreitenden Erkrankungen verwiesen. Von Seiten der Seniorenvertretung wurden insbesondere die Probleme bei der Sensibilisierung und Gewinnung von ehrenamtlichen Helfern in einzelnen Berliner Bezirken bzw. Bereichen thematisiert.

Zum Abschluss gaben die Podiumsgäste kurze Statements für die Charta ab, stellvertretend hier das Plädoyer von Elimar Brandt: „Charta unterschreiben, das macht die Würde unserer Gesellschaft aus. Menschenwürde ist Teil unseres Lebens und jede bzw. jeder von uns wünscht sich ein würdevolles, von anderen Menschen begleitetes Sterben. Und deswegen: heute die Charta unterschreiben, damit Viele so eine würdevolle Begleitung im Sterben erfahren!“

Fazit: es hat sich seit den Anfängen in den 1990ern schon viel getan in Berlin, die beteiligten Akteurinnen und Akteure sind hoch engagiert – dennoch gibt es noch viel zu tun für ein gutes Leben bis zuletzt und Sterben in Würde für alle Berlinerinnen und Berliner. Dies geschieht nicht im Selbstlauf sondern benötigt einen offenen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer und gelebte Solidarität!

 

Patrick Fischer, Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung

Fotos: Gesundheit Berlin-Brandenburg e. V.