Unsere Sprechzeiten:

Die Revolution beginnt auf der Couch! Was können wir alle für bessere Arbeitsbedingungen in der Fahrrad- Lieferbranche tun?

Einmal aufs Handy getippt und schon radelt ein Rider los, um wenig später die gewünschte Mahlzeit oder Lebensmittelbestellung direkt an die Haustür zu liefern. Klingt praktisch. Aber wie steht es um die Arbeitsbedingungen und die Gesundheit der Fahrer*innen, die mit ihren kastenförmigen Rucksäcken und bunten Jacken längst zum Bild unserer Straßen gehören?

Rider*in auf Fahrrad mit großem Rucksack auf dem Rücken und Maske im Gesicht

Dies war Thema einer Podiumsdiskussion auf dem diesjährigen Kongress „Armut und Gesundheit“. Auf dem Podium saßen, neben drei Ridern, Vertretende einer Berufsgenossenschaft (BGHW), einer Gewerkschaft (NGG) und des Beratungszentrums für Migration und gute Arbeit (BEMA). Durch die Diskussion führte Dr. Robert Rath, Direktor des Landesamtes für Arbeits- und Gesundheitsschutz Berlin (LAGetSi). Eine Vertretung der Firmen konnte nicht gewonnen werden. „Wir haben sehr energisch hierhin eingeladen und unsere Einladungen wurden ebenso energisch zurückgewiesen“, führte Dr. Robert Rath in die Runde ein. Dabei gibt es massive Probleme im Bereich der Arbeitssicherheit der Fahrenden, deren Lösung auch im Interesse der Unternehmen liegen sollte: „Ein Viertel aller Rider erleidet innerhalb eines Jahres einen Unfall.“ sagt Veit Groß von der Gewerkschaft NGG „Und die Dunkelziffer liegt vermutlich noch sehr viel höher“. Das Risiko der Fahrer*innen, einen Betriebsunfall zu erleiden, ist damit im Vergleich mit einem Mitarbeitenden im stationären Einzelhandel um ca. 750 Prozent erhöht. Und ist der Unfall erstmal passiert, wird meist weitergearbeitet, sofern es noch möglich ist. Die bezahlten Krankheitstage werden selten genommen, die Unfälle oft nicht gemeldet. „Ich habe einen Rider gesehen, der mit einem eingegipsten Arm gefahren ist.“, berichtet Muhammad Shoaib Bhatti, der schon bei mehreren Lieferplattformen Erfahrung als Rider sammeln konnte. Eric Reimer, Rider und Betriebsratsmitglied bei „Lieferando“ berichtet von weiteren Missständen, die die Branche kennzeichnen. Immer wieder werde versucht, Risiken auf die Rider*innen zu übertragen, die eigentlich die Unternehmen tragen müssten. Zwar erlaubt beispielsweise „Lieferando“ eigentlich, dass bei Unwetter wie Sturm oder Glatteis die Fahrten bei voller Bezahlung ausgesetzt werden. Doch schon für deutschsprachige Rider*innen, die zurzeit in allen Unternehmen eine Minderheit darstellen, ist es schwierig, diese Regelung durchzusetzen. Die Kolleg*innen aus anderen Teilen der Welt kennen ihre Rechte meist nicht und brechen die Arbeit auf eigene Kosten ab oder riskieren bei Fortsetzung Unfälle und Krankheit.

Ein inflationärer Einsatz von Kündigungen in der Probezeit, berichtet Eric Reimer, schaffe ein Klima der Angst, in dem die Arbeitnehmenden ihre Rechte, selbst wenn sie ihnen bekannt sind, nicht wahrnehmen. Und trotzdem rolle regelmäßig zum Winterende eine Kündigungswelle durch die Branche, denn im Sommer wird weniger bestellt. „Da haben Rider dann auf eigene Kosten teure Wetterschutzkleidung gekauft und sich durch den Winter gequält, nur um dann im Frühjahr entlassen zu werden“, pflichtet Bhatti ihm bei.

Ob Sommer oder Winter – schnell sollen die Rider*innen immer sein. Ihre Arbeit wird von einem Algorithmus überwacht: Geschwindigkeit ist hier der ausschlaggebende Faktor. Die KI entscheidet: Schnelle Rider*innen, die in Vollzeit arbeiten, werden mit lukrativen Routen und Bonuszahlungen belohnt. Rider*innen, die in Teilzeit arbeiten oder bedächtiger fahren, haben das Nachsehen.

Dieses unzulässige Akkordsystem verführt zu einem risikoreichen Fahrverhalten, erklärt Robert Zimmerman von der Berufsgenossenschaft BGHW. Dies bilde in Kombination mit schlecht gewarteten Fahrrädern, nachlässig durchgeführten Sicherheitseinweisungen und unsicheren Arbeitsumgebungen in den Lagern, den sog. „Hubs“, eine gesundheitsgefährdende Gemengelage.

Lichtblicke und Lösungen

Was muss passieren, damit sich die Bedingungen für ein sicheres und gesundes Arbeiten für die Rider*innen deutlich verbessern? Diese Fragestellung prägte die Veranstaltung und beschäftigte auch das Publikum merklich.

Kontrollen durch das Berliner Landesamt für Arbeitsschutz sind ein Teil der Lösung. „Wir sind immer dankbar für Anzeigen, denen wir nachgehen können“ sagt Dr. Robert Rath. Noch zu selten kämen diese jedoch von den Rider*innen selbst. In einem Fall aber führte ein anonymer Hinweis eines Riders zur sofortigen Schließung eines Hubs. Die Treppe zum Warenlager wurde nur noch mit Klebeband zusammengehalten, der Bodenbelag sah nicht viel besser aus. Und es gibt weitere Erfolge zu verzeichnen. „Bei den Sicherheitskontrollen an Fahrrädern und bei der Gewichtskontrolle der Rucksäcke ist zunehmend weniger zu beanstanden“ freut sich Dr. Rath.

Monika Fijarczyk vom BEMA ermutigt Rider*innen aus dem Ausland, das Angebot einer kostenfreien Beratung zu arbeits-, sozial und aufenthaltsrechtlichen Fragen wahrzunehmen. „Kommen Sie selbst und empfehlen Sie uns auch unter ihren Kolleg*innen weiter. Wir beraten in zwölf Sprachen und auf Wunsch anonym“, so Fijarcyk.  

Als sehr hilfreich empfand die Fahrerin auf dem Podium, die nicht namentlich genannt werden wollte, eine Initiative des Betriebsrats von Lieferando, die die Vernetzung der Rider*innen untereinander fördert. Eric Reimer hat zusätzlich ehrenamtlich die mehrsprachige „Courier Orange-App“ für Android und Apple entwickelt, die beständig erweitert und verbessert wird. „Mit dieser App von Ridern für Rider klären wir uns gegenseitig über unsere Rechte auf und dokumentieren unsere Leistungen für eventuelle Streitfälle“, erklärt Reimer. Denn die Abrechnungen seien sehr häufig nicht korrekt. Dies könne mithilfe der eigenen Dokumentation auf der App nachgewiesen werden.

Amt, Gewerkschaft, Betriebsräte und Berufsgenossenschaften haben schon viel erreicht und arbeiten weiter daran, die Gesundheits- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Gerade starten in verschiedenen Städten wissenschaftlich begleitete Messungen zur Arbeitsbelastung der Rider*innen, um anhand der Untersuchungsergebnisse gezielte Präventionsmaßnahmen auf den Weg zu bringen und die Unfallzahlen zu reduzieren. Aber auch Kund*innen können ihren Beitrag leisten. Direkte Bestellungen bei Restaurants helfen ebenso wie das „retweeten“ von Beiträgen über den Arbeitskampf der Rider*innen, z. B. aus dem Kanal „Liefern am Limit“  oder ein aktives Feedback auf Social-Media-Kanälen. Auch die gezielte Auswahl von Lieferdiensten, die bereits einen Betriebsrat vorweisen können, ist hilfreich. All dies übe Druck auf die Unternehmen aus, ihre Praktiken zu überdenken. „Die Revolution beginnt auf der Couch“, sagt Reimer. Wenige Tage nach der Veranstaltung verabschiedet die EU nach mehr als zwei Jahren Verhandlung ein Gesetz, das die Rechte von „Gig-Workern“ zu denen die Rider*innen gehören, europaweit stärken soll.

Die Berliner Senatorin für Arbeit, Cansel Kiziltepe, in der Vergangenheit schon oft im Arbeitskampf von Rider*innen engagiert, war für die Podiumsdiskussion kurzfristig verhindert, und sandte über den Moderator eine Botschaft an das Publikum, mit der sie deutliche machte, dass sie sich auch weiterhin für die Rechte der Rider*innen stark machen wird:

„Gute Arbeit gilt für alle. Auch in der Plattformökonomie braucht es Unternehmen, die mehr wollen, als Apps programmieren und Geld verdienen. Wer die Sozialstandards, auf die unser Grundgesetz aufgebaut ist, kaputt macht, beschädigt am Ende auch unsere Demokratie. Betriebsräte sind ein Garant für gute Arbeitsbedingungen; Tarifverträge ein Garant für effektive Dienstleistungen. Es braucht Prävention durch Berufsgenossenschaften; Kontrollen durch starke Arbeitsschutzbehörden sowie, gegen Schwarzarbeit, Zugriff durch den Zoll. Und es braucht Rat und Hilfe für Rider*innen durch kompetente Beratungseinrichtungen. Wer einen Lieferdienst bestellt, muss wissen, dass man sich den Komfort oft mit Lohnbetrug und Rechtsentzug erkauft.“

 

Die Podiumsdiskussion ist eine Initiative der in der Berliner Landesgesundheitskonferenz beheimateten AG Gesund Arbeiten, die seit Ende 2022 zu Verbesserungen der Arbeitsbedingungen der Rider*innen wirkt und aufklärt.

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