Arztpraxen mit Beratungs- und Lots*innenprojekte schließen die Lücke und sind Türöffner
Arztpraxen hingegen gehören zu den Orten, die nahezu alle Familien erreichen. Das Vertrauen in niedergelassene Ärzt*innen ist in der Bevölkerung groß. Selbst Menschen, die sonst keinen Zugang zu beratenden und unterstützenden Angeboten finden, suchen gleichwohl ihre Arztpraxis auf.
Die Lösung: Beratung und Lots*innen als Angebot in der gynäkologischen, kinderärztlichen, kinderzahnärztlichen und kieferorthopädischen Praxis, wie bspw. ELBA, die Familienlosten Neukölln und LoGik.
- Die Beratenden und Lots*innen sind an ausgewählten Tagen in der Arztpraxis vor Ort und direkt ansprechbar oder sprechen selbst die Familien an. Sie beraten, vermitteln und unterstützen bei sozialen, familiären oder persönlichen Problemen – über die medizinische Versorgung hinaus.
- Die Beratung unterstützt Eltern dabei, ihren Kindern ein gesundes und sicheres Aufwachsen zu ermöglichen. Auch Jugendliche können eigenständig das Angebot für ihre Themen nutzen.
- Durch die Vernetzung der beratenden Fachkraft kann insbesondere Eltern und Jugendlichen in Belastungssituationen und krisenhaften Lebenslagen früh ein Zugang zu bedarfsgerechten Angeboten im Sozialraum ermöglicht werden.
- Arztpraxen profitieren ebenfalls von diesem Angebot, da sie ihre Patient*innen auch über den medizinischen Hilfebedarf hinaus gut versorgt wissen. Sie schätzen die interprofessionelle Zusammenarbeit und kollegiale Beratung, die Wissensvermittlung und Vernetzung in die Nachbarschaft.
Zukunftsweisendes Modell gelingender Zugänge erhalten, weiterentwickeln und verstetigen
In Berlin werden seit über zehn Jahren und in mittlerweile acht Bezirken Beratungs- und Lots*innenprojekte in einzelnen Kinderarztpraxen und gynäkologischen Praxen angeboten und somit jährlich eine große Zahl von Familien erreicht, die bislang keinen Zugang zu einem Unterstützungsangebot hatten – alle nach etwas voneinander abweichenden Ansätzen und Finanzierungsmodellen, jedoch mit ähnlichen Handlungsprinzipien, in zwei Bezirken wissenschaftlich durch die Charité-Universitätsmedizin begleitet.
Allerdings sind die derzeit eingesetzten Finanzierungen nicht dauerhaft gesichert:
- Sie sind auf eine modellhafte Erprobung angelegt und laufen zum Teil Ende dieses Jahres aus (z.B. Mittel des Flexibudgets oder Präventionsmittel der GKV).
- Es fehlt eine landesweit abgestimmte nachhaltige Finanzierung, Verteilung und bedarfsorientierte Absicherung.
- Die aktuelle Situation ist geprägt durch fehlende Planungssicherheit, eine Finanzierung aus verschiedenen und befristeten Fördertöpfen und -logiken.
- Zudem gibt es unterschiedliche Strukturen je nach Bezirk und Träger, sodass bislang eine gesamtstädtische Qualitätsentwicklung fehlt.
Berlin soll weiterhin von den über Jahre hinweg gesammelten guten Erfahrungen der Beratungs- und Lots*innenprojekte in Arztpraxen profitieren.
Die Angebote bringen Familien und ihre Kinder niedrigschwellig und zielgenau mit dem bereits gut ausgebauten Unterstützungssystem in Kontakt, ermitteln und machen Unterstützungsbedarfe sichtbar und entlasten zugleich die Arztpraxen. Dabei kann eine qualifizierte Fachkraft drei Praxen versorgen. Auf diese Weise ermöglichen sie frühzeitige Hilfen, die Leid mindern, einen bedarfsgerechten Mitteleinsatz fördern und aufwändigere spätere Maßnahmen vermeiden können.
Um die gelingenden Zugänge und guten Erfahrungen der Projekte zu verstetigen, ist jetzt eine nachhaltige, strukturierte Regelfinanzierung auf Landesebene nötig. Die berlinweite Verankerung als Teil der Jugendhilfe und des Gesundheitssystems, Qualitätsstandards und koordinierte Weiterentwicklung und langfristige Planungssicherheit sind erforderlich.
Unter dem Dach der Berliner Landesgesundheitskonferenz erarbeiten beteiligte Akteur*innen derzeit ein Konzept für die nachhaltige Finanzierung, die berlinweite Ausweitung und die fachliche Weiterentwicklung der Angebote. Das Konzept wird zugleich konkrete Handlungsempfehlungen enthalten und kann im weiteren politischen Prozess als Grundlage für Entscheidungen dienen.
